Reisen & Capoeira

Letzten Samstag gab es dann tatsächlich eine von der Sprachschule organisierte Exkursion (organisiert bedeutet in dem Fall, dass man am Hafen mit einem Ticket in der Hand ausgesetzt wird und noch den Bus genannt bekommt, mit dem man wieder ins Heimatviertel zurückfindet). Natürlich hat sich hinterher herausgestellt, dass man den ganzen Spaß auch unorganisiert billiger hätte haben können, aber das Vertrauen, das man solchen Angeboten entgegenbringt, ist ja zunächst einmal grenzenlos… Die Tour beinhaltet den Besuch zweier Inseln, der Ilha dos Fadres und der Ilha Itaparica.
Auf dem Boot gab es neben Pagode auch jede Menge Snacks und völlig überzuckerten Caipirinha. Die Früchte waren gratis und ich habe stark negative Gefühle gegenüber dem dicklichen Brasilianer entwickelt, der es geschafft hat, sowohl das letzte Stück Guave als auch das letzte Stück Wassermelone zu ergattern. Immerhin war die Pagode-Band dann so nett, ein paar Lieder von Revelação anzustimmen.

Pagode

Die Ilha dos Fadres besteht eigentlich nur aus einer Anlegestelle und einem Strand, die über einen gemauerten Fußweg verbunden sind. Das erwähne ich nur deshalb, weil auch neben diesem Fußweg ozeanumspülte Felsen mit etwas Sand, sehr viel Getier und sehr vielen Tierüberbleibseln zu finden waren.

Ilha dos Fadres

Im Nachhinein bereue ich es etwas, nicht den gesamten Aufenthalt dort verbracht zu haben: Neben kiloweise richtig schönen Muschel- und Schneckenschalen gab es auch Krabben und ziemlich große Asseln, die ich so vorher noch nicht gesehen hatte (und die gesamte Gezeitenpool-Fauna… ein Fest für gewisse Crustaceen-Fanatiker). In der Annahme, dass der Strand noch mehr an Biologie zu bieten hatte, verlagerten wir unsere Erkundungen dorthin. Außer weißem Sand, Palmen und blauem Meer gab es dort aber herzlich wenig… nicht, dass ich mich gegen diese Aussicht sonderlich gewehrt hätte. Es wäre aber doch klüger gewesen, nicht einfach auf der Liege einzuschlafen (die resultierende Hautfarbe hatte ich ja schon erwähnt).
Dafür haben wir Bekanntschaft mit Cristina und Daniella aus Paraíba gemacht, die ihr Wochenende in Bahia verbracht haben. Überhaupt waren die meisten Besucher der Tour Brasilianer auf Wochenendurlaub. Von Cristina habe ich dann auch erfahren, dass ich einfach zu helle Haare und eine zu andersartige Gesichtsform habe, um als Baiana durchzugehen (“Paulistana, ja… oder Gaúcha… aber aus dem Nordosten?! Im Leben nicht!”) Nun, der Tourist hat hier ja durchaus den Status des bunten Hundes, und das einzige, was mich daran unglücklich macht, ist, dass man mir ebenso in etwa einer Zehntel Sekunde ansieht, dass ich definitiv Tourist bin.

Priscilla, ich, Cristina und Daniella

Zum Ende der Tour gab es eine Busrundfahrt auf der zweiten Insel, Itaparica (Stopp – Raus aus dem Bus – zweiminütiges Blitzlichtgewitter – Rein in den Bus – Vorgang wiederholen). Eigentlich hab es nicht so furchtbar viel zu sehen, es war aber ein Capoeira-Show angekündigt worden… die dann aus Folgendem bestand:
- Drei Spieler
- Eine rostige,durchgebrochene und notdürftig geflickte Berimbau
- Ein Pandeiro mit drei Schellenhälften, ebenfalls rostig
Die Musik war entsprechend grausam, der Gesang nicht gerade besser, das Spiel ein Aneinanderreihen von Akrobatik. Natürlich wurde hinterher um Geld gebeten, und weil es ja Freude bereitet, jungen, durchtrainierten Männern beim Saltospringen über Hindernisse zuzusehen, wurde auch bereitwillig bezahlt.
Nun habe ich ja nicht so viel Ahnung vom Capoeira, und natürlich können sich Leute, die wenig Geld haben, kaum anständige/neue Instrumente leisten, aber… mir fehlt daran auch die Energie, die Freude am Spiel, die Liebe fürs Capoeira. Andere Rodas haben diese Attribute gezeigt, auch, wenn ich persönlich andere Arten des Spielens lieber sehe als fast reine Akrobatik, unterbrochen von dem einen oder anderen hohen Tritt.
Anscheinend sind die “Straßenrodas” völlig andersartig, aber dann eher unter dem Vorzeichen des Jogo duro. Gesehen habe ich das noch nicht, aber vielleicht habe ich ja Glück (und nein, ich werde nicht so dumm sein, einen Fuß in eine solche Roda zu setzen).
In verschiedenen Gesprächen habe ich aber auch mitbekommen, dass eben für jeden Capoeirista wirklich andere Aspekte wichtig sind. Dem einen gefallen Kampf und Malícia, der andere liebt eben die Akrobatik und die Dehnbarkeit als eine Art tänzerischen Ausdruck.
Wenn man übrigens den Stempel turista vorübergehend loswerden möchte, ist es ganz ratsam, einfach mal in Capoeira-Uniform herumzulaufen. Auf zehn Wegminuten wurde ich von fünf Leuten einfach so angesprochen und habe mich blendend unterhalten. Komischerweisem scheint die Uniform eben auch zu beinhalten, dass man Portugiesisch sprechen kann und zur großen Familie dazugehört. Jedenfalls habe ich schon einige Trainingseinladungen bekommen…
Zu meiner großen Freude habe ich in Salvador auch einige Orte kennen gelernt, die ich sonst nur aus diversen Capoeira-Liedern kenne: Terreiro de Jesus (und ich dachte ans Gelobte Land… oh Mann), Praia de Amaralina, Ilha de Maré…

Natürlich ist Capoeira nicht die einzige Freizeitbeschäftigung der Leute hier; es gibt Percussion-Kurse und selbstverständlich kann man auch Zeit investieren, um eine der vielen verschiedenen Arten von Samba (kennen) zu lernen. Oder Axé, Forró, …. Allerdings muss ich sagen, dass ich doch den Eindruck habe, dass der Tanzunterricht für die Gringos eher den Volksbespaßung der Einheimischen dient. Kann man ihnen auch nicht verdenken, lächerlich genug sieht es allemal aus (ich spreche da aus Erfahrung, in der Schule ist eine Wand in der Turnhalle verspiegelt und leider stehen wir immer so ausgerichtet, dass wir uns sehr gut beim Versagen beobachten können…)

Zu meiner Freude kann man in Salvador auch ganz andere Formen der Kunst finden. Dabei spreche ich nicht unbedingt von der Architektur (in einem Streitgespräch mit einem Brasilianer am Goethe-Institut konnte ich zwar feststellen, dass er nicht so viel Ahnung hatte, wie er vorgab, aber da es um meine eigene nicht besser bestellt ist, schweige ich zu dem Thema), sondern von Dingen, die ein kindliches Gemüt wie meines um einiges mehr erfreuen. Ich meine natürlich die diversen Grafittis, aber noch mehr die “Telephonzellen”: Man nennt sie orelhão (großes Ohr) und es gibt sie neben den Standardversionen auch in Berimbau- oder Kokosform.

Graffiti

Kokosnuss & Berimbau

Ich bleibe erstmal dabei: Der Kulturschock steht noch aus… und selbst, wenn nicht alles perfekt ist (wer hat denn diesen Anspruch überhaupt?), kann man sich immer noch an dem Spruch orientieren, den man hier überall lesen kann: Smile, you’re in Bahia!

~ by b0lacha on April 27, 2008.

One Response to “Reisen & Capoeira”

  1. Huhu Bea,
    boah, du machst einen ja richtig neidisch mit diesen so schön warm aussehenden Bildern. Unsereins zittert sich hier warm….unfair ;)

    Schön, dass du dich schon so gut eingefunden hast. Ich hoffe doch, es gibt noch mehr Obst für dich, was dir nicht fremde Leute wegfuttern.

    Fühl dich mal ganz ganz doll geknuddelt. Freu mich schon auf den nächsten Bericht.

    Ach ja. ERSTER! ^^

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