Ankunft in São Paulo
An meinem zweiten Tag in São Paulo sitze ich hier in der República und überlege, wie ich möglichst schnell hier wegkomme. Eine República ist ein Haus, das mehrere Studenten sich teilen; geteilt wird dabei wirklich nur das Haus, das Bad, die Küche und Wasser. Alles andere muss man selbst mitbringen oder kaufen. Unter anderem auch Bettwäsche. Praktische Sache, ist ja auch das erste, was man als ausländischer Student einpackt, um sechs Monate unterwegs zu sein. Die República wird nur von Frauen bewohnt, aber da Theorie und Praxis ja gwöhnlich weit auseinanderklaffen, laufen Männer hier auch (frei) herum. Ich vermute, dass es sich um diverse Freunde der Mädchen hier handelt (das, oder die Crossdresser-Quote der Brasilianer ist noch höher, als ich gedacht hätte). Was mir aber noch mehr Sorgen macht, sind natürlich die nichtvorhandenen Tische zum Arbeiten. Spaß beiseite: Auch ohne Tisch kann es ja durchaus gemütlich sein. Aber mir gefällt mein Durchgangszimmer mit den zwei Fenstern zum nach außdem offenen Flur nicht sonderlich. Es ist noch nicht Winter und ich schlafe hier mit Pulli, geliehener Decke und allen Handtüchern, die ich habe. Aber klar, Durchgangszimmer mit nichtschließenden Fenstern, wenn die Türen nach draußen immer offen sind… sobald man sich nachts umdreht, zerrt man den entsprechenden Muskel; immerhin ist die menschliche Physiologie nicht dafür gedacht, sich ungeschützt bei arktischen Temperaturen zu bewegen. Außerdem halte ich den drei mal zwei Meter durchmessenden Schimmelfleck an der Decke durchaus für bedrohlich, und sein kleiner Bruder, der hinter dem Schrank verschwindet, spricht auch nicht gerade für gesunde vier Monate. Eine Beschreibung des Bades lasse ich für zartere Gemüter mal außen vor. Und warum träume ich von lebenden Schimmelflecken, die kollektive Intelligenz nutzend, sich nachts auf mich stürzen? Es gibt nicht mal Insekten hier, dabei sind die doch sonst so furchtbar widerstandsfähig. Ich überlege, ein paar Schaben draußen aufzusammeln, um zu sehen, ob die hier im Bad überleben.
Um es kurz zu sagen: Ich will hier raus! So hoch sind meine Luxusansprüche doch gar nicht. Ich hätte gern etwas ohne Schimmel, ohne (ziehende) Fenster, das leidlich warm ist, wenn man die Tür zumacht. Man hat mir ja gesagt, dass ich mit meinen Problemen zum patrão (Chef) gehen soll, aber ich weiß auch nicht, was der machen soll. Die Fenster zumauern und dem Schimmel mit einer Chlorspritze zu Leibe rücken? Und auf eine promoção (Vergünstigung) verzichte ich dankend.
Das Labor habe ich auch schon angesehen; es ist völlig zugemüllt, weil die Arbeitsgruppe nächsten Monat in ein anderes Gebäude umzieht, das man nur als futuristisch beschreiben kann. Ehrlich gesagt, es sieht aus wie aus einem Kinder-Alien-Film, knubbelig, verspiegelt und orange-weiß. Ja, ich liebe es! Und kann den Umzug kaum abwarten. Im Labor gibt es nämlich auch keine freien Tische…


du meine Güte, das klingt ja alles andere als prickelnd. da könnte ich aber auch nicht schlafen in so einem….Etablissement. Ich drück dir ganz doll die Daumen, dass du hoffentlich bald eine Möglichkeit findest, da raus zu kommen.