Die Welt wäre nochmal so schwer, wenn da nicht Capoeira wär…
Virtuelle Kekse gehen an alle, die für das positive Ereignis am ersten Montag in Richtung Capoeira getippt haben. An sich war ich ja schon am Vormittag in Bezug aufs Labor am Verzweifeln (“Eigentlich haben wir ja gar keinen Platz, aber du kannst ja den anderen beim Experimentieren zusehen…”). Nun gibt es ja kaum etwas Stumpfsinnigeres als dabei zuzusehen, wie unsichtbare RNA-Pellets in RNAse-inhibierende Lösung resuspendiert werden; wenn es zu etwas geführt hat, dann nur dazu, dass ich molekularbiologische Arbeitsmethoden noch langweiliger finde als ich es als untypischer Heidelberger Biologe sowieso schon tue. Vom Trainieren hatte ich mich auch bereits so gut wie verabschiedet, weil die Akademie in Butantã nun doch ziemlich weit weg und auch nicht in der besten Gegend liegt. Im Labor gab’s dann auch irgendwann nur noch Kopfschütteln, weil ich ja vehement darauf beharren musste, dass das Training für mich so absolut notwendig ist. Ehrlich gesagt hatte ich einfach befürchtet, dass ich dann vier Monate völlig sinnlos in São Paulo herumsitzen muss, ohne Arbeit im Labor und ohne Training (… meine persönliche Hölle…). Und der Vorwurf, mir gehe es nur ums Capoeira, ist insofern natürlich berechtigt… wenn ich die Auswahl zwischen “im Internet surfen/anderen beim Pipettieren zusehen” und Capoeira habe… welche Auswahl? Während ich also vor mich hinbrütete, klingelte tatsächlich mein Handy und ich fühlte den Klischee-Sonnenstrahl aus der dunklen Wolke auf mein Haupt niederstrahlen, als sich herausstellte, dass es Falamansa war, der mich zum Training abholen wollte. Ich muss ja sagen, dass ich bei dem Wort “Abholen” instinktiv an ein Motorrad gedacht hatte, aber so eine tolle Fahrt hatte ich mir nicht vorgestellt… schade, dass er ganz woanders wohnt und ich deswegen nicht öfter mitfahren kann. Vielleicht sollte ich doch mal einen Motorradführerschein machen…
Was nun das Training angeht: Es ist wohl genug zu sagen, dass ich seitdem jeden Tag dort war. Und es ist so wahnsinnig toll! Dabei ist Mestrando Peixe Cru noch gar nicht aus Japan zurück; die Graduados geben aber auch gutes Training. Wobei die erste Woche vergleichsweise harmlos war; erst jetzt komme ich in den Genuss, jeden einzelnen Tag die verdammten Steigungen zu verfluchen, die ich zum Labor und nach Hause zu bewältigen habe. Zum Glück stoppt dabei niemand die Zeit; ich glaube, ich bin signifikant langsamer als in der ersten Woche.
Trainiert wird unter der Woche jeden Tag, dabei gibt es Dienstag und Donnerstag ein Training, Montag und Mittwoch zwei (zuerst ein Anfänger-, dann ein Fortgeschrittenentraining; man darf aber auch beide mitmachen, egal, ob man Graduado ist oder nicht). Freitags ist Roda; bisher habe ich noch keine Roda gesehen, weil am ersten Freitag Abend das Labor eine Art Willkommensparty für mich gegeben hat. Das war in diesem Fall Rodizio de Sushi (all you can eat für weniger als 10 Euro…). Ich habe mich also ganz gut über die verlorene Roda hinweggetrösten können.
Leider gibt es Rodas nur am Freitag, nach dem regulären Training spielen wir allenfalls in einer Roda Seca (ohne Instrumente). Was ich für eine Trainingsmethode gehalten habe, ist eigentlich der Beschwerde eines einzelnen Anwohners zuzuschreiben, dem die Instrumente zu laut sind. Habe ich bereits angemerkt, dass es sich beim Trainingsort um den Sportplatz der Feuerwehr handelt, der an einer sechsspurigen Straße liegt?
Dieser Ort liegt im Übrigen viel günstiger als Butantã, wo nur am Wochenende Training für die Graduados stattfindet. Trainiert wird in der Nähe der Metrô-Station Santana, ich habe also gar keine Probleme, jeden Tag zum Training zu gehen. Für berührungsempfindliche Menschen ist aber die Metrô wohl auch nicht unbedingt ein Vergnügen.
Auch wenn es letzendlich also vor allem dem Capoeira geschuldet ist: Ich bin im Moment in São Paulo sehr glücklich. Ja, es gibt viel (Umwelt)Verschmutzung und zu den Hauptverkehrszeiten werden die Lungen zu besseren Oktanzählern, aber alles in allem gefällt mir die Stadt sehr gut. Und manche Stadtansichten sind einfach nur schön!







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