Capoeira, Capoeira über alles…

Nachdem ich es nun endlich auch geschafft habe, mich zu erkälten, weil alle anderen ja darauf bestehen, trotz laufender Nase und hohen Fiebers ins Labor und ins Training zu kommen, sitze ich in Decken gewickelt auf dem Bett und schreibe weiter am Blog. Natürlich werde ich den Teufelskreis nicht durchbrechen und zu Hause bleiben; morgen früh ist eine Roda etwas außerhalb von São Paulo, die ich hoffentlich finden werde.

Ehrlich gesagt bin ich ja froh, dass ich schon einen Apelido habe. Hier haben es sich einige Leute angewöhnt, mich “Paulista/na” zu rufen, weil ich es tatsächlich schaffe, zu den “unmöglichsten Orten” zu finden, um zu trainieren oder bei den Rodas mitzumachen. Ich weiß ja nicht, aber so schwer ist es auch nicht, zwei- oder dreimal das Verkehrsmittel zu wechseln… gut, ich muss ja zugeben, dass ich nie ohne Schwierigkeiten angekommen bin. Einmal ist die Bustüre auf der Strecke kaputtgegangen (sie ließ sich nicht mehr schließen) und ansonsten nehme ich alle Gleisbauarbeiten und Schienenersatzverkehre mit, die es in der Stadt gibt. Jedenfalls finden das gewisse Graduados furchtbar unterhaltsam (“Das ist Bolacha aus Deutschland! Gib ihr einen Zettel mit einer Adresse und einer Uhrzeit und sie kommt hin! Hey, da könnten wir uns ja lustige Spiele ausdenken… hast du Samstag schon etwas vor, Bolacha?”).

Peixe ist jetzt auch wieder zurück und scheint trotz 12-stündiger Zeitverschiebung eigentlich ganz gut gelaunt zu sein. Am Freitag Abend gab es die erste große Roda. Und ich hatte mich geirrt: Es ist nicht etwa so, dass der Nachbar es erlaubt, einmal in der Woche eine Roda am Trainingsort zu veranstalten, nein, wir müssen die sechsspurige Straße überqueren, um auf absolut fuß- und schuhfeindlichem Rau-Asphalt zu spielen. Aber die meisten haben ja ihre schützende Hornhautschicht ordentlich aufgebaut in den letzten Jahren. Die Roda war sehr gut und zum Ende hin auch sehr hitzig (leicht untertrieben).

Rührend war danach noch die Erklärung eines Graduados (Corda Roxa), der sich für sein schlechtes Spiel entschuldigt hat. Er hatte verletzungsbedingt einige Jahre nicht trainieren können und auch noch das Pech gehabt, dass er jedesmal, wenn er wieder angefangen hat, sich bei der ersten Roda, in der er wieder gespielt hat, so verletzt hat, dass er wieder monate-/jahrelang aussetzen musste. Diese Roda sei die erste, in der er sich seit Jahren nicht verletzt habe und er sei so glücklich, wieder trainieren zu können…

Für uns ist und bleibt also Capoeira (mit) die wichtigste Sache im Leben… aber wie reagieren hier andere Leute auf Capoeira? In Salvador ist Capoeira viel gegenwärtiger als hier. Das mussten auch zwei Touristen erfahren, die sich die Füße wundliefen auf der Suche nach Rodas hier in São Paulo. Sie haben dann zufällig von der Roda am Freitag Abend erfahren und auch zugesehen. Ich durfte mich dann noch ein bisschen mit ihnen unterhalten (“Oi Bolacha, du kannst doch sicher Englisch, erklär mal…!”). Von ausländischer Seite ist also jedenfalls ein großes Interesse vorhanden.

Im Labor sind die Meinungen sehr gespalten; einige haben es schon ausprobiert, anderen gefällt es gar nicht, weil sie Brasilien lieber durch anderes im Ausland repräsentiert sehen würden. Das sind dann auch die Leute, die Karneval und Samba nichts abgewinnen können… nach der hirnlosen Aussage des Medizinprofessors aus Bahia wurde auch hier ein paar Tage lang über die Berimbau diskutiert und darüber, ob es denn wirklich schwer sei, sie spielen zu lernen…

Und sonst? Ich treffe oft Capoeiristas von anderen Gruppen, man grüßt sich, reicht sich die Hand, wechselt ein paar Worte und wünscht sich einen guten Tag (oder ein gutes Training). Anfeindungen gab es noch nie.

Mein Favorit sind ja immer noch die Männer in den lanchonetes (Sandwich-Bars), die mir, wenn ich am Wochenende morgens in Uniform zum Training gehe, Dinge hinterschreien, die keinerlei Übersetzung bedürfen: “Oiiiiii! Mulheeeeeer! Capoeiraaaaa!” Nunja, was soll man dazu sagen? Soll ich sie jetzt zu ihrer überragenden Intelligenz beglückwünschen, die sie dazu befähigt, mir a) das richtige Geschlecht und b) den richtigen Sport zuzuordnen?

Dann war da noch der alte Mann, den ich direkt vor dem Training getroffen habe. Er sprach mich ganz höflich und leise an und fragte, ob ich auch wirklich zur Gruppe Abadá gehöre. Als ich bejahte, hat er meine Hand in seine beiden genommen, beteuert, wie sehr er Abadá respektiere, mir tief in die Augen geblickt, sich dreimal sehr tief verbeugt und mir dann ein gutes Training gewünscht. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob er mich veralbern wollte oder ob das tatsächlich sein Ernst war…

Am Samstag gab es eine Roda im Parque Villa Lobos. Der Park ist auch sehr schön, mit etwas mehr Sonne und etwas weniger Wolkendecke würde es sich sicher lohnen, einige Zeit hier zu verbringen. Von der Jongo-Übung nach der Roda habe ich als rhythmisch geschädigter Mensch nicht ganz so viel mitgenommen, aber schon allein wegen der Roda hat es sich gelohnt, auch diesen Samstag wieder früh aufzustehen!

~ by b0lacha on June 1, 2008.

One Response to “Capoeira, Capoeira über alles…”

  1. woao Capoera
    Axé Camara..
    von Graz.

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