Brasilianer

“Der Brasilianer ist ein Mensch, der viel lacht und sich sehr offen zeigt; allerdings wird er sich in Zurückhaltung üben, wenn man seine Hilfe wirklich benötigt. Der Deutsche ist kalt und abweisend, man kann sich aber auf ihn verlassen.”

So war die Beschreibung eines Brasilianers im Labor nebenan… wenige Leute glauben wirklich an Stereotypen, aber den ein oder anderen Unterschied gibt es wohl doch zwischen den einzelnen Kulturen und ich werde mir im Folgenden die einige Aussage dazu erlauben. Tatsächlich sind hier die meisten Leute offener als in Deutschland und sicher auch fröhlicher im Auftreten, es gibt aber auch Ausnahmen, gerade hier in São Paulo, wo die Leute weniger gastfreundlich sind als etwa in Salvador.

Über die allerorts erwähnte nichtvorhandene Pünktlichkeit möchte ich zuerst ein paar Worte verlieren. Zunächst einmal ist es in São Paulo wirklich schwierig, rechtzeitig irgendwo anzukommen, wenn man den Verkehr in Betracht zieht. Es ist wirklich gut möglich, dass man von einem Stadtteil zum nächsten drei Stunden im Stau steht (eigene Erfahrung). Die einzige Möglichkeit, das zu umgehen, sind wohl Motorräder (jedem sollte jetzt so eine filmreife Szene in den Sinn kommen, in der sich der Motorradfahrer in halsbrecherischer Geschwindigkeit im Zentimeter-Abstand zwischen den Autos durchschlängelt). Trotzdem kann man im Allgemeinen ganz gut abschätzen, wie der Verkehr zu bestimmten Zeiten sein wird… und die Unterschiede zwischen den Nationen werden ja auch manchmal direkt ausgesprochen: “Also, wir treffen uns um halb drei. Für Deutsche: um vier.”

Was mir noch auffällt, sind natürlich die Ausdrucksweisen der Männer hier. Aber ja, ich gewöhne mich daran, dass eine Autohupe durchaus als Kompliment aufzufassen ist, genauso wie der pointierte und lang anhaltende Blick in die Schrittgegend. Ich habe mich darüber aufklären lassen, dass das ja der schönste Teil am weiblichen Körper sei: Die schmale Hautregion, die zwischen der tief auf der Hüfte sitzenden Hose und dem knappen Top aufblitzt. Ich verteile also immer weniger gedankliche Tritte in Nasenhöhe und übe mich im Ignorieren. Außerdem schlug mit blankes Entsetzen von weiblicher Seite entgegen, als ich erzählte, dass diese Blicke und auch das Hinterherrufen/-pfeifen in Deutschland durchaus nicht üblich seien. Vermutlich fühlen sich Brasilianerinnen in Deutschland sehr hässlich.

Öffentlich ausgetauschte Zärtlichkeiten entsprechen im Deutschen eher dem mit Hingabe ausgeführten Vorspiel im heimischen Bett. Da fühle ich mich richtig verklemmt; aber ganz ehrlich, ich würde nicht gern auf der Treppe eines Ladens in der Dämmerung Aktivitäten frönen, die dem Inhalt eines Softpornos gleichkommen. Offensichtlich sind sich die Brasilianer auch der Probleme bewusst, die dadurch entstehen können (“Natürlich haben wir Probleme mit sexuell übertragbaren Krankheiten; wir sind ja auch sehr promisk!”). Selbstverständlich gilt das nicht für alle Leute hier, aber der eher offene Umgang mit Sex und Sexualität ist schon sehr augenfällig.

Aber es existieren auch noch andere Hobbies im Leben des Brasilianers: MSN und Orkut beispielsweise, die jeden Tag stundenlang genutzt werden. Deswegen ist zum Beispiel auch Orkut an den Rechnern der Universität gesperrt, während etwa Youtube und andere “Freizeit”-Seiten ohne Probleme genutzt werden könnten. Vermutlich hat jemand den durch Orkut verursachten massiven Einbruch der nationalen Produktivität errechnet. Entsprechend viele Hits bekommt man bei Google auch bei der Suche nach “Orkut am Arbeitsplatz” oder ähnlichem. Da ich nur in der Universität kostenlosen Internetzugang habe, mache ich davon natürlich stark Gebrauch. Leider gibt es hier im Haus keine ungeschützten WLAN-Netzwerke. Ach, was war Salvador doch in der Hinsicht für ein Luxus…

Im Allgemeinen sind hier Markenartikel sehr beliebt, vor allem, was Schuhe, Kleidung und technische Geräte angeht. Originale sind hier auch in Euro umgerechnet viel teurer als beispielsweise in Deutschland; wenn man in Betracht zieht, was ein Angestellter hier monatlich verdient, sind das wirklich stattliche Preise. Eine Hilfe gibt es aber: man kann fast alles hier in Raten bezahlen. Der Turnschuh von Nike kostet dann also 5x 69,90 R$. Außerdem gibt es viele Outlet-Stores; einer in São Paulo ist im ganzen Land bekannt und es gibt wohl Busverbindungen dorthin von allen möglichen Orten in Brasilien aus; da wird dann ein Einkaufstag von einem Veranstalter organisiert… Und selbstverständlich gibt es an allen Ecken und Enden “ganz echte Diesel-Taschen” für sehr viel weniger Geld als im Laden. Auch Geräte werden gern gefälscht. Mein persönlicher Favorit ist ja der iPod-förmige MP3-Player mit Sony-Schriftzug…

~ by b0lacha on June 2, 2008.

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