A volta do mundo
Wenn die Roda am letzten Samstag gut war, dann war die Roda am letzten Sonntag einfach nur unglaublich (Hinweis: es geht um den 18.05. …). Ich bin wirklich froh, dass ich mich trotz Erkältung morgens nach Itapevi geschleppt habe. Itapevi ist eine kleine Stadt direkt vor São Paulo, die man auch eigentlich ganz gut erreichen kann, man muss allerdings den Trem nehmen und nicht nur die Metrô. Der wesentliche Unterschied ist, neben der Tatsache, dass man den Trem nach Einbruch der Dunkelheit meiden sollte, dass im Trem ständig Leute herumlaufen, die furchtbare echte Rolex-Uhren, Kaugummi und andere Sachen für ein paar Reais verkaufen wollen. Außerdem ist der Trem deutlich langsamer… Die Roda fand in einem Park nahe an der Station und natürlich eine Stunde später als angekündigt statt; zum Glück ist das Wetter hier auch wieder besser geworden, das/der Thermometer zeigt sommerliche 30 Grad Celsius an. Fast hätte ich mir dank der Roda einen neuen Sonnenbrand geholt, aber offensichtlich hat sich meine Haut daran gewöhnt, dass von Zeit zu Zeit vermehrte Sonneneinstrahlung zu erwarten ist.
Diese Roda war die erste, die ich hier in Brasilien gesehen habe, in der vor allem Angola1) gespielt wurde. Es waren nicht nur Capoeiristas von Abadá dabei, sondern auch von anderen Gruppen. Alle haben sich sehr gut verstanden und es gab ein paar wahnsinnig gute Spiele. Beim ersten Angola-Spiel hatte ich ja noch befürchtet, dass das Ganze in Gewaltätigkeiten ausarten könnte. Es gibt da nämlich einen Capoeirista (corda roxa-marrom) bei uns, der sehr gern etwas rauer spielt. Vom Format her klassischer Wandschrank (für die Capoeristas: so wie Charm…) und dazu eisblaue Augen. Er kommt nie zum Training, sondern nur zu den Rodas und wenn er das Spiel kauft, kann man sich eigentlich immer auf gut gezielte und harte Tritte gefasst machen. Jedenfalls hat er Angola mit einem Graduado (corda azul) gespielt und das Spiel gleich mal mit einer völlig ungebremsten Joelhada (Kniestoß) begonnen… Und so ging es dann auch weiter; der Graduado konnte ja auch schlecht zurückschlagen, dann wäre es wohl vollends ausgeartet. Mit das schlimmste Spiel an dem Tag, aber der Rest war wirklich genial!


An so einem schönen Tag gab es dann auch entsprechend viel Publikum; die Energia in der Roda war super und die Roda dauerte auch viel länger als ursprünglich angekündigt. Ich nehme mal stark an, dass Cafuzo, der die Roda organisiert hatte, jetzt einige Schüler mehr hat. Für uns war es das pure Vergnügen und die Freude stand allen ins Gesicht geschrieben!
Auch das Herumlungern nach der Roda hat sich noch gelohnt, auch wenn es immer wahnsinnig lange dauert, bis Capoeiristas es endlich schaffen, einen Fuß vor den anderen zu setzen (“Ach, Bea, warte noch, ich weiß, dass sie gesagt haben, dass sie jetzt losgehen wollen, aber… sagen wir mal in einer halben Stunde…”), denn ich bin mit Flecha danach zum Strand (Santos/Praia Grande) gefahren, um bei Papagaio zu trainieren. Dank des Verkehrs und des plötzlich einsetzenden Nebels (innerhalb von einer Minute hatte man kaum noch zwei Meter Sichtweite… hat mich ans Tauchen in gewissen Schlammseen erinnert) sind wir natürlich ungefähr zwei Stunden zu spät angekommen. Mittlerweile habe ich mich aber auch daran gewöhnt; man kommt eben nicht zu einer bestimmten Zeit oder mit einer gewissen Verspätung an, sondern man kommt an. Oder wie Flecha es so hübsch ausdrückte: “Ich bin nicht zu spät, ich komme immer dann an, wann ich ankommen will!” (Ich habe ihn etwas später gefragt, ob er jetzt absichtlich Gandalf zitiert habe…. er hat )
Zum Trainieren am Strand sind wir dann nicht mehr gekommen und auch den versporchenen Jongo-Unterricht gab es nicht, dafür aber sehr gutes São Bento2)-Training in einer Akademie. Dort gibt es keine Beleuchtung, was anfangs irgendwie lustig, später nur noch gefährlich war, also haben wir Flechas Auto in die Akademie gestellt und im Schweinwerferlicht gespielt. Leider war meine Kamera zu schlecht, die großartige Atmosphäre einzufangen…
Nach dem Abendessen wollten wir eigentlich nur gemütlich nach Hause fahren, kamen aber einer Roda einer anderen Gruppe vorbei und nachdem wir dann anhalten mussten (“Flecha, halt an, halt an, das ist er!!”), sind wir dann zu dritt zur Roda gegangen. Ich rechne mich ja jetzt persönlich nicht zur Bedrohung hinzu, aber die Uniform hat vielleicht auch geholfen. Ein Mädchen hat richtig große Augen bekommen (und das sicher nicht vor Freude), besonders als die Jungs sich ein bisschen aufgewärmt haben. Die Graduados der Gruppe haben sich alle an die Instrumente verzogen, den Toque (Rhythmus) von São Bento auf Benguela3) geändert, die Kamera abgestellt und die Kinder in die Roda geschickt. Gespielt hat dann keiner von uns… im Nachhinein hat sich herausgestellt, das es da noch eine offene Rechnung gab, da einer der Anwesenden sich früher einmal mit Papagaio in der Roda angelegt und danach öffentlich sehr schlecht von ihm gesprochen hatte. Jetzt hat er offensichtlich eine gewisse Angst vor der Revanche…
Hier folgen jetzt ganz kurze Erklärungen zu den einzelnen Toques im Capoeira, da sie vermutlich auch noch häufiger erwähnt werden. Alle Capoeiristas bitte ich, mir nicht den Kopf abzureißen, wenn sie die Erklärungen lesen und sie für ungenügend/oberflächlich/falsch befinden. Ich habe einfach aus dem “Informativo ABADÁ”, das von Peixe Cru und Pernilongo vor den Jogos Paulistas veröffentlicht wurde, die Beschreibungen der einzelnen Spieltypen übersetzt.
1) Angola: Heimtückisches und bösartiges Spiel, manchmal die gefährlichste Spielart. Ein als Spielerei getarnter Kampf. Mit langsamem Rhythmus, geleitet von Ladainhas (Klagegesängen). Fordert vom Capoeirista, der gleich seinem Gegner mal klein, mal groß zu sein versucht, besonders guten körperlichen Ausdruck.
2) São Bento Grande: Schnelles und energetisches Spiel. Erfordert schnelle Reflexe und zielgerichtete Bewegungen. Reich an fließendem Spiel, Kreativität und Improvisation. Ähnelt am ehesten einem Kampf.
3) Benguela: Stärker an den Rhythmus gebundenes und ausdrucksstärkeres Spiel. Charakteristisch sind Tritte, die tückischerweise abgebrochen werden. Erfordert Geschick bei Bewegungen am Boden (mit Händen oder dem Kopf). Spiel mit viel Ginga (charakteristische Wiegebewegung im Capoeira) und fließenden Bewegungen.



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