Tiradentes und der Kampf mit den Ängsten

•May 9, 2008 • Leave a Comment

Zwar bin ich mittlerweile in São Paulo, aber weil noch einige Einträge zu Salvador ausstehen, kommen die der zeitlichen Abfolge zuliebe zuerst.

Am 21.04. ist hier ein Nationaleiertag namens Tiradentes. An diesem Feiertag wird der Hinrichtung des Nationalhelden Tiradentes gedacht, der einer Verschwörergruppe (Incônfidencia Mineira) angehörte, die für die brasilianische Unabhängigkeit von Portugal und die Abschaffung der Sklaverei kämpfte.

Jedenfalls haben wir den freien Tag genutzt, um den Abend in Pelourinho zu verbringen. Dazu fährt man mit dem Bus bis zum Mercado Modelo, der auch und vor allem Touristen mit typischen Souvenirs versorgt, nimmt dann für fünf Centavos den Elevador Lacerda bis nach Pelourinho. Der Aufzug verbindet seit 1873 die obere mit der unteren Stadt und ist etwa 85 m hoch. Leider ist der Aufzug geschlossen und man kann die Aussicht erst nach Ankunft am Palacio Municipal bewundern.

In Pelourinho werden nicht einmal mehr die Einheimischen von den Bettlern und Verkäufern in Ruhe gelassen. In jedem Fall gibt es aber in Pelourinho einige schöne Ansichten zu bewundern.

Zurück nach Barra haben wir dann den Bus genommen. Auf die rasante Fahrtweise der Busfahrer muss ich wohl nicht besonders hinweisen. Mich hat nur zum charakteristischen Augenbrauenhochziehen gebracht, was im Rückfenster eines Busses zu lesen war: “Fahr langsam- vermeide Unfälle!”

Neben dem Bus ist eigentlich das Taxi das einzige Verkehrsmittel, auf das man zurückgreifen kann. Oder man bittet Bekannte, die ein Auto haben… natürlich sollte das längst anders sein, denn in Salvador wird eigentlich an einer Zuglinie gebaut (die 2004 hätte fertiggestellt werden sollen). Im Moment laufen die Gleise ins Leere und die Fertigstellung ist noch einmal auf das übernächste Jahr verschoben worden.

Salvador ist mit knapp 3,5 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt Brasiliens, nach Rio de Janeiro und (wer hätte das gedacht?) São Paulo. Als Haupttadt Bahias und auch erste Hauptstadt Brasiliens (bis 1763) ist Salvador auch historisch interessant; übrigens wurde Bahia am 2. Juli 1823 unabhängig (mein Geburtstag bedeutet also endlich auch etwas…). Der momentane Governeur steht heftig in der Kritik, da in seiner Amtszeit vor allem die öffentliche Sicherheit vernachlässigt wurde, was natürlich insbesondere den Tourismus gefährdet. Die nächste Wahl findet 2009 (?) statt, und die meisten Leute sind sich sicher, dass eine Wiederwahl ausgeschlossen werden kann…

Das Wetter war übrigens in der letzten Woche nicht sonderlich gut, da es ständig geregnet hat. Und hier ist der Regen wirklich heftig… und eine gute Ausrede für alles. Keiner macht bei Regen einen Schritt nach draußen, wenn er es vermeiden kann.

Dummerweise bedeutet Regen dann auch, dass der Strandbesuch für denselben und den nächsten Tag ausfällt, da die heftigen Regengüsse einen Großteil des städtischen Schmutzes an den Strand spülen. Im Endeffekt fiel damit der Strandbesuch letzte Woche einfach weg. Aber noch ist ja genügend Zeit, dem schokobraun entgegenzustreben! Tatsächlich war ich gar nicht mehr am Strand… das Wetter war dafür nicht gerade ideal, außerdem durfte ich mich noch eine Woche mit einer “Virose” im Bett vergnügen. Übrigens konnte man auch beim Flug nach São Paulo sehen, wie heftig es in den letzten Tagen in einigen Küstengebieten geregnet hatte: Überall reichten braune Schlammlachen kilometerweit ins Meer.

Dann komme ich wieder auf eines meiner Lieblingsthemen hier: Essen! Wirklich gut ist hier, neben allerlei Fisch- und Meeresfruchtgerichten das Eis, das es als Kugel (sorvete) und am Stiel (picolé) gibt. Auf jeden Fall gibt es jeden Menge interessante Sorten; nicht nur diverse Früchte, sondern auch etwa “Grüner Mais” und “Tapioka”. Woher die Ovomaltine-Sorte kommt, will ich gar nicht wissen…

Da ich mir meine Bemerkungen zu diversen Früchten doch nicht verkneifen will: Die Orangen hier haben eine wesentlich dünnere Schale, die grün-gelb gefärbt ist, und sind auch viel süßer als bei uns. Meine Beschreibung einer “deutschen” Orange wird hier als Mandarine verstanden.

Bananen gibt es in diversen Sorten (“Ach, so an die zehn werden’s schon sein!”), wobei mein Favorit die bereits erwähnte Kochbanane ist, die es eben entweder gekocht oder frittiert morgens zum Frühstück gibt. Hübsch anzusehen ist auch die banana roxa (lilafarbene Banane).

banana roxa

Wenn wir gerade beim Essen sind: Wir waren auch schon in einer Churrascaria, in der man sagenhaft günstig (für deutsche Verhältnisse) und auch wirklich gut essen kann. Im Preis sind inbegriffen: Alle Fleischgerichte, alle Fischgerichte, die Salatbar und alle Beilagen (und zu meiner Freude: frittierte Bananen!). Das heißt im Endeffekt, dass man nur Getränke und Süßkram noch zusätzlich zahlen muss. Das Fleisch (Rind, Schwein, Huhn) wird an den Tisch gebracht und man auf kleinen Kärtchen nachsehen, aus welchem Tierkörperteil es herausgeschnitten wurde. Auch Lachs, diverese Nudelgerichte, Meeresfrüchte, Sushi, Sashimi und Paella gehören dazu… das nächste Mal werde ich den ganzen Tag nichts essen, um noch mehr davon zu haben! Danach hatte ich auch nur einen halben Tag lang Bauchschmerzen, es hat sich also wirklich gelohnt…

Im ersten Eintrag hatte ich ja schon die enthemmende Wirkung des Wetters auf den Kleidungsstil (1 cm mehr als Unterwäsche ist völlig ausreichend) erwähnt. Insgesamt konnt ich doch schon einige Ängste hier effektiv abbauen (nein, von Riesengeißelspinnen bin ich noch nicht angegriffen worden… aber ich will ja bei einem anderen Brasilien-Aufenthalt gern mal in den Amazonas).

Für die Churrascaria habe ich eine Reservierung geschafft (es ist ja allgemein bekannt, dass mir der erste Telephonanruf in einer fremden Sprache sehr missfällt) und es hat sehr gut geklappt.

Die nächste Mutprobe war mehr oder minder unfreiwillig. Sagen wir es mal so: Es ist im Allgemeinen keine gute Idee, sich auf Gruppenkaraoke einzulassen, dann auf der Bühne weder Text noch Melodie hinzubekommen und dann von einer Horde Brasilianer, deren Stimmung zerstört wurde, von der Bühne gebuht zu werden… dann wiederum… eigentlich war’s ziemlich lustig. Was ich nun aber gar nicht begreife, sind diejenigen Leute, die aus rein freundschaftlichen Gründen tapfer darauf beharren, es sei so grausam ja gar nicht gewesen… All denjenigen, die mit dem Verfasser eines Artikels in der hiesigen Zeitung (“Die stärkste Angst des Menschen ist die vor dem Tode, die zweitstärkste die vor einem öffentlichen Vortrag”) übereinstimmen, sei besagte Karaoke-Übung empfohlen! Es geht doch nichts über öffentliches Versagen zur Festigung der Persönlichkeit (it builds character, Calvin!)

Zwischenspiel – Rassismus in Bahia

•May 1, 2008 • 1 Comment

Antônio Natalino Dantas, Koordinator des Studiengangs Medizin und Professor an der medizinischen Fakultät der Universidade Federal da Bahia (UFBA), hat das schlechte Abschneiden der UFBA beim Exame Nacional de Desempenho de Estudantes (Enade) damit erklärt, dass die Einwohner Bahias einen unterdurchschnittlichen Intelligenzquotienten aufweisen:

O resultado ruim (referindo-se a nota 2 obtida pelo curso no Enade) é por causa do baixo QI dos alunos. É uma coisa que precisa ser desmistificada essa suposta inteligência do baiano. Isso não existe.
É uma mistificação essa história da inteligência do bainao. Ao contrário, há até deficiência.
O baiano é uma pessoa igual a qualquer outra, mas talvez tenha déficit em relação a outras populações. Não temos aquele desenvolvimento que poderíamos ter. Se comparados com os estados do Sul, vemos que a imigração japonesa, italiana e alemã foram excelentes para o país. Aqui ficamos estagnados.

IQ Bahia

(Das schlechte Abschneiden [am Enade] lässt sich zurückführen auf den niedrigen IQ der Studenten. Man muss die vermeintliche Intelligenz des Einwohners von Bahia entzaubern. Sie existiert nicht. Die Geschichte von der Intelligenz des Einwohners von Bahia ist eine Legende. Im Gegenteil, es gibt sogar ein Defizit. Der Einwohner Bahias ist eine Person wie jede andere auch, aber vielleicht besitzt er ein Defizit im Vergleich zu anderen Volksgruppen. Wir haben nicht den Entwicklungsstand, den wir haben könnten. Wenn wir uns mit den Staaten im Süden [Brasiliens] vergleichen, sehen wir, dass die Einwanderungswellen aus Japan, Italien und Deutschland ausgezeichnet für das Land waren. Hier [in Bahia]finden wir Stagnation.)

Ironischerweise ist Natalino selbst aus Bahia und hat in den 1960er Jahren seinen Abschluss auch an der UFBA gemacht. Im Weiteren äußert er sich kritisch gegenüber den Quoten für Schwarze an den Universitäten und gebraucht dafür das unschöne Wort “Kontamination” (was ihm natürlich auch in Brasilien sofort den Vergleich mit einem gewissen Herrn Hitler eingebracht hat). Selbstverständlich hält er sich nicht für einen Rassisten:

Não sou racista; se eu fosse, diria. Sou médico e boa parte das pessoas que atendo são “gente de cor” [sic]. Minha secretária também é (de cor); se fosse racista não escolheria.

(Ich bin kein Rassist; wenn ich es wäre, würde ich es sagen. Ich bin Arzt und ein guter Teil der Personen, die ich behandle, sind “von Farbe”. Meine Sekretärin auch; wenn ich Rassist wäre, hätte ich sie nicht ausgewählt.)

Natalino findet auch noch mehr Belege für die mangelnde Intelligenz der hiesigen Bevölkerung, indem er etwa die traditionelle Musik als “Lärm” verunglimpft. Natürlich hat er in diesem Zusammenhang auch einiges zur Berimbau zu sagen:

E o berimbau é um tipo de instrumento do individuo que tem poucos neurônios, porque tem uma corda só. E não precisa de muita cerebração para as combinações musciais. …. Só sai aquele barulho, ‘pu pu pu pu pu pu’. Isso por acaso indica quali- dade intelectual muito elevada? Não.

Berimbau & neurônios

(Und die Berimbau ist eine Art von Instrument, wie es jemand mit wenigen Hirnzellen spielt, denn sie hat nur eine Saite. Man braucht nicht viel Denkleistung für musika- lische Kombinationen. Es kommt nur irgendwelcher Lärm zustande “pu pu pu pu pu pu”. Das soll gehobene intellektuelle Qualität darstellen? Nein.)

Natürlich hat Natalino selbst noch nie ein Rhythmusinstrument angefasst, aber das ist ja schließlich auch Geschmackssache:

Não sou obrigado a gostar de berimbau. O que eu disse é que é um instrumento primitivo, que só toca uma nota só. Gosto de piano e violino.

(Ich bin nicht verpflichtet, die Berimbau zu mögen. Was ich gesagt habe, ist, dass sie ein primitives Instrument ist, das nur einen einzigen Ton spielt. Ich mag Klavier und Geige.)

Die Aufregung hier ist groß, die Sache wird als großer Skandal behandelt. Die Anklage lautet auf Rassismus. Sollte Natalino verurteilt werden, muss er möglicherweise ins Gefängnis. Wer weitere Infos lesen oder das gesamte Interview anhören möchte, sei auf die Links am Ende der Seite verwiesen. Wer Verbesserungsvorschläge für die Übersetzungen hat, schreibt mir. Bald gibt es hier auch wieder Erfreulicheres zu lesen!

http://noticias.terra.com.br/educacao/interna/0,,OI2858408-EI8266,00-Professor+atribui+baixa+nota+do+Enade+ao+QI+dos+baianos.html

http://blogdolatinha.blogspot.com/2008/05/preconceito.html

http://www.correiodabahia.com.br/aquisalvador/noticia.asp?codigo=152791

Reisen & Capoeira

•April 27, 2008 • 1 Comment

Letzten Samstag gab es dann tatsächlich eine von der Sprachschule organisierte Exkursion (organisiert bedeutet in dem Fall, dass man am Hafen mit einem Ticket in der Hand ausgesetzt wird und noch den Bus genannt bekommt, mit dem man wieder ins Heimatviertel zurückfindet). Natürlich hat sich hinterher herausgestellt, dass man den ganzen Spaß auch unorganisiert billiger hätte haben können, aber das Vertrauen, das man solchen Angeboten entgegenbringt, ist ja zunächst einmal grenzenlos… Die Tour beinhaltet den Besuch zweier Inseln, der Ilha dos Fadres und der Ilha Itaparica.
Auf dem Boot gab es neben Pagode auch jede Menge Snacks und völlig überzuckerten Caipirinha. Die Früchte waren gratis und ich habe stark negative Gefühle gegenüber dem dicklichen Brasilianer entwickelt, der es geschafft hat, sowohl das letzte Stück Guave als auch das letzte Stück Wassermelone zu ergattern. Immerhin war die Pagode-Band dann so nett, ein paar Lieder von Revelação anzustimmen.

Pagode

Die Ilha dos Fadres besteht eigentlich nur aus einer Anlegestelle und einem Strand, die über einen gemauerten Fußweg verbunden sind. Das erwähne ich nur deshalb, weil auch neben diesem Fußweg ozeanumspülte Felsen mit etwas Sand, sehr viel Getier und sehr vielen Tierüberbleibseln zu finden waren.

Ilha dos Fadres

Im Nachhinein bereue ich es etwas, nicht den gesamten Aufenthalt dort verbracht zu haben: Neben kiloweise richtig schönen Muschel- und Schneckenschalen gab es auch Krabben und ziemlich große Asseln, die ich so vorher noch nicht gesehen hatte (und die gesamte Gezeitenpool-Fauna… ein Fest für gewisse Crustaceen-Fanatiker). In der Annahme, dass der Strand noch mehr an Biologie zu bieten hatte, verlagerten wir unsere Erkundungen dorthin. Außer weißem Sand, Palmen und blauem Meer gab es dort aber herzlich wenig… nicht, dass ich mich gegen diese Aussicht sonderlich gewehrt hätte. Es wäre aber doch klüger gewesen, nicht einfach auf der Liege einzuschlafen (die resultierende Hautfarbe hatte ich ja schon erwähnt).
Dafür haben wir Bekanntschaft mit Cristina und Daniella aus Paraíba gemacht, die ihr Wochenende in Bahia verbracht haben. Überhaupt waren die meisten Besucher der Tour Brasilianer auf Wochenendurlaub. Von Cristina habe ich dann auch erfahren, dass ich einfach zu helle Haare und eine zu andersartige Gesichtsform habe, um als Baiana durchzugehen (“Paulistana, ja… oder Gaúcha… aber aus dem Nordosten?! Im Leben nicht!”) Nun, der Tourist hat hier ja durchaus den Status des bunten Hundes, und das einzige, was mich daran unglücklich macht, ist, dass man mir ebenso in etwa einer Zehntel Sekunde ansieht, dass ich definitiv Tourist bin.

Priscilla, ich, Cristina und Daniella

Zum Ende der Tour gab es eine Busrundfahrt auf der zweiten Insel, Itaparica (Stopp – Raus aus dem Bus – zweiminütiges Blitzlichtgewitter – Rein in den Bus – Vorgang wiederholen). Eigentlich hab es nicht so furchtbar viel zu sehen, es war aber ein Capoeira-Show angekündigt worden… die dann aus Folgendem bestand:
- Drei Spieler
- Eine rostige,durchgebrochene und notdürftig geflickte Berimbau
- Ein Pandeiro mit drei Schellenhälften, ebenfalls rostig
Die Musik war entsprechend grausam, der Gesang nicht gerade besser, das Spiel ein Aneinanderreihen von Akrobatik. Natürlich wurde hinterher um Geld gebeten, und weil es ja Freude bereitet, jungen, durchtrainierten Männern beim Saltospringen über Hindernisse zuzusehen, wurde auch bereitwillig bezahlt.
Nun habe ich ja nicht so viel Ahnung vom Capoeira, und natürlich können sich Leute, die wenig Geld haben, kaum anständige/neue Instrumente leisten, aber… mir fehlt daran auch die Energie, die Freude am Spiel, die Liebe fürs Capoeira. Andere Rodas haben diese Attribute gezeigt, auch, wenn ich persönlich andere Arten des Spielens lieber sehe als fast reine Akrobatik, unterbrochen von dem einen oder anderen hohen Tritt.
Anscheinend sind die “Straßenrodas” völlig andersartig, aber dann eher unter dem Vorzeichen des Jogo duro. Gesehen habe ich das noch nicht, aber vielleicht habe ich ja Glück (und nein, ich werde nicht so dumm sein, einen Fuß in eine solche Roda zu setzen).
In verschiedenen Gesprächen habe ich aber auch mitbekommen, dass eben für jeden Capoeirista wirklich andere Aspekte wichtig sind. Dem einen gefallen Kampf und Malícia, der andere liebt eben die Akrobatik und die Dehnbarkeit als eine Art tänzerischen Ausdruck.
Wenn man übrigens den Stempel turista vorübergehend loswerden möchte, ist es ganz ratsam, einfach mal in Capoeira-Uniform herumzulaufen. Auf zehn Wegminuten wurde ich von fünf Leuten einfach so angesprochen und habe mich blendend unterhalten. Komischerweisem scheint die Uniform eben auch zu beinhalten, dass man Portugiesisch sprechen kann und zur großen Familie dazugehört. Jedenfalls habe ich schon einige Trainingseinladungen bekommen…
Zu meiner großen Freude habe ich in Salvador auch einige Orte kennen gelernt, die ich sonst nur aus diversen Capoeira-Liedern kenne: Terreiro de Jesus (und ich dachte ans Gelobte Land… oh Mann), Praia de Amaralina, Ilha de Maré…

Natürlich ist Capoeira nicht die einzige Freizeitbeschäftigung der Leute hier; es gibt Percussion-Kurse und selbstverständlich kann man auch Zeit investieren, um eine der vielen verschiedenen Arten von Samba (kennen) zu lernen. Oder Axé, Forró, …. Allerdings muss ich sagen, dass ich doch den Eindruck habe, dass der Tanzunterricht für die Gringos eher den Volksbespaßung der Einheimischen dient. Kann man ihnen auch nicht verdenken, lächerlich genug sieht es allemal aus (ich spreche da aus Erfahrung, in der Schule ist eine Wand in der Turnhalle verspiegelt und leider stehen wir immer so ausgerichtet, dass wir uns sehr gut beim Versagen beobachten können…)

Zu meiner Freude kann man in Salvador auch ganz andere Formen der Kunst finden. Dabei spreche ich nicht unbedingt von der Architektur (in einem Streitgespräch mit einem Brasilianer am Goethe-Institut konnte ich zwar feststellen, dass er nicht so viel Ahnung hatte, wie er vorgab, aber da es um meine eigene nicht besser bestellt ist, schweige ich zu dem Thema), sondern von Dingen, die ein kindliches Gemüt wie meines um einiges mehr erfreuen. Ich meine natürlich die diversen Grafittis, aber noch mehr die “Telephonzellen”: Man nennt sie orelhão (großes Ohr) und es gibt sie neben den Standardversionen auch in Berimbau- oder Kokosform.

Graffiti

Kokosnuss & Berimbau

Ich bleibe erstmal dabei: Der Kulturschock steht noch aus… und selbst, wenn nicht alles perfekt ist (wer hat denn diesen Anspruch überhaupt?), kann man sich immer noch an dem Spruch orientieren, den man hier überall lesen kann: Smile, you’re in Bahia!

Salvador – Erste Eindrücke

•April 22, 2008 • Leave a Comment

Mittlerweile bin ich nun schon eine Woche in Brasilien, und bevor mich die Faulheit gänzlich einholt und ich vollkommen meine guten Vorsätze vergesse, dieses Blog zu benutzen, erzähle ich ein bisschen von dem, was in dieser ersten Woche passiert ist. Im Übrigen kommt mir die Zeit viel länger vor!

Was hat sich in dieser Woche verändert? Erstmal ist mir noch viel weniger peinlich als früher. Mir ist es wirklich egal, wie die Sachen aussehen, in denen ich aus dem Haus gehe, Hauptsache, sie sind kurz genug, um mich einen weiteren Tag in dieser Hitze überleben zu lassen. Da helfen die gut gemeinten Worte der Brasilianer, dass es ja im Sommer viel schlimmer sei als jetzt im Herbst, natürlich herzlich wenig. Daher beginne ich auch, meine Prinzipien zu verletzen: Der erste Griff beim Betreten jedes Zimmers ist der nach dem Schalter für die Klimaanlage. Und erst jetzt fällt mir auf, wie furchtbar überbewertet einige Kleidungsstücke sind. Wer braucht schon Ärmel und Beine an der Kleidung? Wer war nur für die Erfindung der Socke verantwortlich…? Zum Glück bin ich ja durchaus in der Lage, vorausschauend zu denken und habe noch nicht alles verbrannt, was mich in São Paulo später wärmen wird.
Dafür ist natürlich die Hitze eine gute Ausrede, um sich einfach den ganzen Nachmittag lang an den Strand zu legen. Das trägt ja auch sehr zur Bereicherung der Portugiesisch-Kenntnisse bei. Ich komme später noch zu den Strandbekanntschaften.
Der lieben Sonne ist es auch zu verdanken, dass sich meine Hautfarbe von beige zu erdbeerbraun verändert hat. Hier behaupten ja die Leute, es sei rot, aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich innerhalb der nächsten Tage genauso hübsch dunkelbraun bin wie die Brasilianer hier. Wenn man sich die Millionen Christen hier zum Vorbild nimmt, lernt man ja fast , an das Unmögliche zu glauben… Dies ist eine unterschwellige Botschaft. Lest “The God Delusion” von Richard Dawkins. Dies ist eine unterschwellige Botschaft…. jedenfalls plane ich eine bessere Hautfarbe als jetzt.

Die Moskitos haben mich bisher weitestgehend verschont, aber man hat ja als Biologin hier doch alle Hände voll zu tun. Komischerweise kann kaum jemand meine Panik nachvollziehen. Kann übrigens einer der entomologisch bewanderten Biologen mir mehr über das Aussehen von Phlebotomiden (Schmetterlingsmücken) sagen? Ich glaube felsenfest daran, dass das blaue Vieh im Bad eine ist… (Und ja, die übertragen ganz widerliche Parasitosen. Und nein, ihr wollt keine Beschreibung.) Dummerweise habe ich tatsächlich einmal das Mückenschutzmittel (klangvoller Name: NOBITE) benutzt, und mir das Zeug wie empfohlen, auch ins Gesicht gesprüht; immerhin lautete die Beschreibung in etwa so: “Angenehm erfrischend und kühlend.” Stimmt nur leider nicht, das brennt wie die Hölle und geht auch mit Wasser und Seife nicht mehr ab. Leider hatten sie nämlich wenigstens mit der Wirkzeit von acht Stunden sehr gut geschätzt.
Die nächste hochgezogene Augenbraue bekam die junge Holländerin, die permanent an der Hand kratzte und am Handballen und an den Fingern unschöne Stellen mit leichten Entzündungserscheinungen hatte. Mit meiner ersten Idee, dass sie kräftig in einen Seeigel gefasst hatte, lag ich zumindest richtig, zum Arzt gehen will sie natürlich nicht.

Biologisch ist die Gegend insgesamt sehr bereichernd, ich habe einen Mini-Urwald vor dem Fenster, samt Zikaden und nervtötendem Singvogelbestand (“Freue dich, ein neuer Tag bricht an! Wie jeden Morgen schon um 5:35 Uhr!”). Hübsch sind sie immerhin und meine Kamera völlig ungeeignet, entsprechende Aufnahmen zu machen. Eine Ausnahme war nur der hübsche Vogel, den ich am Strand in Sichtweite zoomen konnte.

Das erste neue Wort, das ich hier gelernt habe, war “formiga” (Ameise) und davon gibt es eine Menge, auch hier im Haus. Sie sind winzig und irgendwie niedlich und ändern ihre Straßen je nach Essensstandort. Heute Morgen haben sie den Vanillekuchen gefunden. Leider haben sie es nicht geschafft, zu hundert so ein Kuchenstück anzuheben… Disney lügt doch wirklich immer!
Allerlei buntes Geflügel also, das mich natürlich in größte Verzweiflung stürzt, weil es sich für einen Biologen einfach nicht gehört, bei einem in 10 m vorbeitaumelnden Etwas nicht zu wissen, ob es sich um ein Insekt oder einen Vogel handelt. Daher mag ich auch die Kolibri-Fütterungsstation der Nachbarn (pinker Kunststoff mit bunten Kunststoffblumen, die wohl Zuckerlösung enthalten), da weiß ich dann wenigstens, dass es von den Vögeln angeflogen wird.
Auf dem Baum daneben lebt angeblich ein kleiner Affe, den ich aber leider bisher nicht zu Gesicht bekommen habe. Dafür konnte ich tatsächlich ein paar Tiere finden, die es in Deutschland gibt, aber hier nicht. Mein Lieblingsbeispiel ist der Fuchs. Hier gibt es nämlich nur Mähnenwölfe und irgendwie fällt der Unterschied nur mir auf… (und nein, ich bin keinem Mähnenwolf über den Weg gelaufen, wir haben wikipedia benutzt).

Mähnenwolf

Außerdem konnte ich für einiges Entsetzen sorgen, als wir uns über Zucker unterhielten und ich beiläufig fallen ließ, dass unserer _nicht_ vom Zuckerrohr stammt, sondern von einer Rübe. Gut, meine Beschreibung (“So was wie eine Karotte”) war vielleicht nicht gerade hilfreich…

Wenn wir nun schon beim Essen angekommen sind: Furchtbar süß ist hier alles, und ich frage mich, wie es die Leute trotzdem schaffen, so dünn zu bleiben. Kuchen und völlig überzuckerte Getränke gehören zum Alltag. Nicht so mein Geschmack, ich will doch noch etwas von der Zitrone und dem Cachça im Caipirinha haben!
Dafür kann man aber die Säfte ohne oder mit ganz wenig Zucker verlangen, und meine Früchte bekomme ich morgens auch ohne. Es gibt Kochbananen, fritiert oder eben gekocht auf dem Brot, und ich liebe sie! Auch im Allgemeinen komme ich gut mit der Küche hier aus. Ich werde mir ein Rezeptbuch machen müssen (und in Deutschland verzweifeln, weil ich die Zutaten nicht finde).
Was gab es bisher?
Acarajé
Bobó de camarão
Camarão no pão
Caragueijo
Siri
Beiju
Cural de Milho
Bolo de Milho
Also ein eindeutiger Fokus auf den Meeresfrüchten bisher. Wer noch Empfehlungen hat, nur her damit, ich habe noch zwei Wochen hier!


Die Früchte hier bringen mich auch zum Verzweifeln (“Achja? Und was genau ist das für eine Frucht? Klein, gelb und sauer oder wie?” “Hey, stimmt genau!”). Ich glaube, da hilft nichts außer Probieren. Nur kann ich mir nie die Namen merken! Probieren läuft im Moment meist über picolé (Fruchteis am Stiel), das gern am Strand vekauft wird.

Am Strand hier findet man sehr hübsche Sachen, Muscheln, Krabben, Seeigel(skelette), Schnecken, Fischschuppen, Ohrringe… alles andere bekommt man auch angeboten und muss es dann natürlich bezahlen: Essen, Getränke, Schmuck, Kleidung… zum Glück kann man meistens ziemlich handeln und bekommt dann auch manchmal bis zu 60 % Rabatt. Manchmal bekommt man auch ganz wunderbare Angebote wie etwa dieses hier: “Jedes Paar Ohrrunge kostet einzeln 10 Reais, aber dir gebe ich beide zusammen für 21!” Na, kann ja nicht schaden, das Augenbrauen-Hochziehen zu üben…
Natürlich gibt es auch Angebote anderer Art; aber ich habe ja meine Sätzchen auswendig gelernt, auf die ich achtgeben sollte. Mein Favorit bisher war ja der junge Mann, der mich als Gaúcha ansprach und wollte, dass ich seinem guten Freund Englisch beibringe, nur einen Nachmittag lang…

Und dann wäre da noch das folgende Spiel kleiner Jungen, auf das ich mir keinen Reim machen kann, aber vielleicht weiß ja einer von euch weiter. Sie laufen an jedem (Mädchen?) vorbei, berühren es am Arm und schreien dabei “Toquei!!” (“Ich hab [dich] angefasst!”). Ideen?
Im Unterricht haben wir dazu nur besprochen, dass Brasilianern das Wort “espacio pessoal” nichts sagt…

Natürlich gibt es noch viel mehr zu erzählen, aber für einen ersten Post reicht das schon… Abraços!

Hello world!

•January 15, 2008 • Leave a Comment

This is just for trying out wordpress and a few themes right now. During the upcoming months, I hope to toy around enough to able to use it for keeping everyone updated while I’m away in Brazil.

Enough said. Back to studying.